Hat YAGNI ausgedient?

Ich las eben einen interessanten Artikel im phpMagain online. In „Abwärtskompatibilität vs. langfristiges Planen“ geht es über einen Blogbeitrag von Anthony Ferrara, in der dieser u.a. darüber schreibt, dass er die Optionen seiner Funktionen als array anlegt, obwohl das ja teilweise gar nicht sein müsse. In die Zukunft gesehen macht es aber Sinn, da ja bald neue Optionen hinzukommen werden, da sich jede Software weiterentwickelt und seine Funktion somit flexibel ist und ihre Signatur sich nicht weiter ändern muss.

Allerdings, und das steht ja auch im Artikel des phpMagazins, wiederspricht dies dem YAGNI Prinzip, das – vereinfacht – besagt, dass du alles, was du aktuell nicht brauchst, auch nicht entwickeln sollst.

Ich finde, dass passt dann nur auf Software, die du einmal entwickelst und die dann einfach vor sich hin altert. Software, die du vorher im Detail planst und dann nie wieder ansiehst. Kurz, Software, die hoffentlich heute in der Form nicht mehr gebaut wird.

Heute verändert sich Software stetig und ständig, „und das ist auch gut so“, denn sonst würden wir alle niemals Updates installieren müssen. Aber im Gegenteil müssen wir heutzutage so viele Updates installieren, dass manchen Hersteller gar nicht mehr nervt fragt, sondern uns ganz bequem mit „Silent updates“ auf dem neuesten Stand hält.

IMHO werden Anwendungen und Webseiten heute um ein vielfaches schneller und öfter aktualisiert wie noch vor wenigen Jahren. Und Software, die aktualisiert wird, wird oft auch erweitert. Es werden ja nicht nur Sicherheitslücken geschlossen oder Bugs gefixed, es kommen oft auch neue Features und Funktionen hinzu, altbekanntes fällt manchmal weg, kurz: Die Software verändert sich und damit auch ihr Code, ihre Funktionen und dessen Signaturen.

Was hat das nun mit YAGNI zu tun? Nun, YAGNI würde besagen, dass man eine Funktion minimalst aufbauen soll, ein Beispiel, eine Funktion liefert uns Benutzerdaten aus einer Datenbank:

public function getUser() {
//...
}

Diese Funktion würde alle User zurückliefern. Im Laufe des Lebens der Anwendung merken wir, dass ein Filter auf „getUser()“ wohl sinnvoll wäre, also ändern wir die Signatur:

public function getUser($id)

liefert nun genau einen User mit einer speziellen Id.

public function getUser($id = -1, $name)

kann nun auch einen User nach Namen liefern, wenn wir id auf -1 setzen.

public function getUser($id = -1, $name, $nameAsLike)

kann nun auch – bei $nameAsLike=true und id=-1 – einen Namen „teilweise“ liefern.

Diese Liste ließe sich nun bestimmt weiter fortsetzen, ihr kennt das sicher alle. Sicher entspricht dies dem YAGNI Prinzip, denn im Laufe der Versionen der Software kam immer nur genau so viel dazu, wie unbedingt erforderlich war. Aber war das gut so?

Vorausschauender wäre es gewesen, sich kurz Gedanken zu machen und dann zu entscheiden

public function getUser(array $options=array())

Nun kann dort auch jeder der obigen Evolutionsschritte der Software eingebracht werden, die Signatur der Funktion braucht allerdings dazu nicht geändert zu werden und damit gibt es auch weniger potentielle Fehlerquellen im Rest des Codes.

Vielleicht müssen wir vom starren YAGNI weg, hin zu einem YDNNI, einem „You Defenitly Not Need It“, einem Paradigma, dass es erlaubt, vorausschauend zu Entwicklen, dass einem aber trotzdem untersagt, völlig Sinnfreie oder sogar Kontraproduktive Dinge zu entwickeln.

Die Sache mit dem array scheint sich langsam aber sicher dank oder trotz YAGNI zur „Best Practice“ durchzusetzen. Setzt ihr Optionen auch als array um oder benutzt ihr da völlig andere Wege?

 

2 Gedanken zu „Hat YAGNI ausgedient?

  1. Fabian

    Das array ist meiner Meinung nach die unschönere Variante, da es Fehler geradezu provoziert. Mach einen simplen Schreibfehler, und schon verbringst du Stunden damit den Fehler zu suchen. Vergiss die Dokumentation, schon darf jeder deinen Code analysieren um zu sehen welche Optionen es gibt.

    In Zeiten von OOP finde ich die Abbildung über ein Objekt sinnvoller. Es vermeidet Schreibfehler, jede gute IDE bietet dir Autovervollständigung an, und im schlimmsten Fall siehst du Anhand der Benennung wofür eine Option da ist.

    In anderen Programmiersprachen ist die Vorgehensweise ein Quasi-Standard geworden.

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